
Käthe Kollwitz: "Drei Knaben beim Murmelspiel" (1909/1910)
aus Zeig Mal! Kunst für alle. · 13.09.2026 · 17 Min.
Beschreibung
Zum Video auf YouTube Eine Kreideskizze aus dem Jahr 1909/1910, klein im Format und doch von ungeheurer Wucht: Käthe Kollwitz zeigt drei Jungen, die auf der Straße um Murmeln spielen -- und verweigert uns die idyllische Deutung eines harmlosen Kinderspiels. Die Berliner Künstlerin, 1867 in Königsberg geboren und durch ihren Mann, den Arzt Karl Kollwitz, mit dem Elend des proletarischen Wedding unmittelbar konfrontiert, hatte den Blick für die Lebenswirklichkeit der Kinder armer Familien früh geschärft. Schon vor dem Verlust ihres Sohnes Peter im Oktober 1914 war das Schicksal der Schwächsten ihr zentrales Motiv. In den proletarischen Hinterhöfen war das Murmelspiel nicht bloße Unterhaltung, sondern, wie der Kulturhistoriker Hans Ostwald 1909 festhielt, eine Schule des Überlebens. Kollwitz arbeitet die zunächst suchende Skizze in einer zweiten, geschlosseneren Fassung konsequent zu: alle Knaben sind nun barfuß, die Spannung im Blick des Werfers wird zur stillen Verzweiflung, das gemeinsame Spiel zur prekären Auseinandersetzung. So wird das scheinbar beiläufige Straßenspiel zur bildnerischen Anklage gegen eine Gesellschaft, die ihren Kindern kaum Raum für Unschuld lässt. Das Video ordnet die Skizze in Kollwitz' Werk ein, kontextualisiert sie mit den Zyklen Ein Weberaufstand (1897) und Der Bauernkrieg (1908--1913), vergleicht sie mit Heinrich Zilles Milieustudien und liest die Murmelspiel-Szene als Schlüsselmotiv einer Künstlerin, die zeitlebens den Schutzlosen eine Stimme gab - bis zu ihrem letzten Blatt, einer Lithografie nach Goethes Wort "Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden" .