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Jeden einzelnen Tag Gott in die Hände legen

aus Morgenimpuls · 24.09.2026 · 4 Min.

Beschreibung

Bei einer unserer zuletzt verstorbenen Mitschwestern lagen im Stundenbuch viele handgeschriebene kleine Zettel mit Bibeltexten und eigenen kleinen Gebeten. Da viele unserer Schwestern sehr alt werden, ist die Handschrift oft noch sehr der alten Sütterlinschrift ähnlich, die heute nur noch wenige Menschen wirklich schreiben und noch viel weniger Menschen fließend lesen können. Und so ist es natürlich auch mit den Texten, deren Formulierungen zeitbedingt, deren Inhalte aber meist zeitlos sind. Auf diesem A5 Blatt stehen zwei Dinge. Zunächst eine Zeile aus dem Römerbrief: „Wer vermag uns zu scheiden von der Liebe Christi?“und dann ein vielleicht selbstformuliertes Gebet:„Mein Anfang und mein Ende leg ich in deine Hände, Vater, steh mir gnädig bei, dass mein Werk gesegnet sei“Und je länger ich das so sehe und lese und die alte Schwester vor Augen habe, desto mehr fällt mir auf, in welch tiefem Zusammenhang diese beiden kleinen Texte stehen.Wer in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geboren ist, hat als Kind und Jugendliche die Zeiten zwischen den Weltkriegen, den Nationalsozialismus und die Schrecken des zweiten Weltkrieges erlebt, die Not- und Hungerjahre direkt danach und den Kampf der Familien ums Überleben, die Teilung des Landes, Flucht und Vertreibung und die unglaubliche Zähigkeit vieler Menschen, die unser Land wieder aufgebaut haben. Und in all dem steht diese Zeile aus dem Römerbrief: Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Anscheinend ja nicht so viel, denn sie sind dann in die Ordensgemeinschaft eingetreten und haben Jahrzehnte im Dienst an den Mitmenschen, den Kindern, Kranken und Alten, den eigenen Mitschwestern und den Kirchengemeinden gestanden und die Liebe Christis gelebt und weitergetragen. Und wenn man dann aus vielen Erzählungen weiß, durch welche Höhen und Tiefen sie gegangen sind, dann versteht man, dass sie das alles konnten, weil sie jeden ihrer Tage ihrem Gott in die Hände gelegt und vertrauensvoll all das gelebt und getan haben, was einfach dran war. Dann verstehe und bestaune ich dieses kleine Gebet und mir wird deutlich, welche Kraft und welches Vertrauen darin für sie gelegen hat.„Mein Anfang und mein Ende, leg ich in deine Hände, Vater steh mir gnädig bei, dass mein Werk gesegnet sei“