
Wie hält man ein Pfeifkonzert von 80.000 Menschen aus, Herr Aytekin?
aus MUT - Der Deutschland Talk mit Tijen Onaran · 14.06.2026 · 30 Min.
Beschreibung
Deniz Aytekin war einer der weltbesten Fußball-Schiedsrichter. In der Special-Ausgabe des „MUT-Talks“ vonFOCUS online sprach Aytekin mit Tijen Onaran über sein Ego, den Umgang mit Kritik, echte Fehlerkultur und einen simplen Trick gegen das Jammern. In der MUT-Special-Folge im Rahmen des „Constructive World Award“ von FOCUS online sprach Host und Unternehmerin Tijen Onaran mit Aytekin über Resilienz, Respekt und seine Erfahrungen im Spitzensport. Aytekin kennt Gegenwind und Ablehnung bestens: 2011 wählten ihn die Bundesliga-Spieler sogar zum schlechtesten Schiedsrichter. Den Grund dafür sieht er rückblickend in seinem eigenen Verhalten. „Ich hab am Ende Härte mit Stärke verwechselt“, gesteht er. Sein großes Ego sorgte damals dafür, dass er jede noch so kleine Rückfrage als direkten Angriff wertete. Aus dieser Krise zog Aytekin eine wichtige Lehre und etablierte ein neues Leitmotiv: „Klar in der Sache, aber zum Menschen herzlich.“ Er erkannte den Unterschied zwischenvertikalem Respekt, der einem Menschen allein durch eine Funktion zuteil wird und horizontalem Respekt, der durch echtes, menschliches Interesse an anderen entsteht. Diese Einstellung half ihm auch dabei, Pfeifkonzerte von 80.000 Zuschauern im Stadion auszublenden:„Ich habe immer meine Funktion getrennt von der Person“. Für den Erfolg von Unternehmen ist laut Aytekin vor allem die psychologische Sicherheit im Team entscheidend. Dafür müssten Führungskräfte transparent eigene Fehler vorleben,ihre Mitarbeiter proaktiv und konkret einladen, ihre Meinung zu sagen, und diese Kritik anschließend professionell und ohne Sanktionen annehmen. Trotz seiner beruflichen Erfolge äußert Aytekin auch Reue. Seinen größten Fehler sieht er darin, in jungen Jahren getrieben gewesen zu sein: „Ich habe teilweise meineTochter nicht aufwachsen sehen.“ Heute achtet er strikt darauf, mental im Moment anzukommen und seiner Familie die „maximale Aufmerksamkeit“ zu schenken, die sie verdiene. Gegen das Gefühl der Machtlosigkeit in unsicheren Zeiten rät er zur Eigenverantwortung: Man solleaufhören zu jammern und sich stattdessen zwingen, acht Lösungsoptionen aufzuschreiben. Wer das Lamentieren dennoch nicht lassen kann, für den hat er einen simplen Trick parat: Fünf Minuten lang den ganzen Frust in dieHandy-Kamera jammern und sich das Video täglich anhören. Das Resultat laut Aytekin: „Spätestens nach dem dritten Tag ist man geheilt.“