
"Ein altes Blatt" (Franz Kafka)
aus Erzählkünstler · 21.09.2026 · 4 Min.
Beschreibung
Es ist Kaiserzeit, in der Franz Kafka „Ein altes Blatt“ zeitlich ansiedelt, also eine eigentlich autoritäre Ära. Doch der Herrscher hat nichts zu sagen, ordnet nichts an, blickt nur „mit gesenktem Kopf auf das Treiben vor seinem Schloss“ – zumindest meint der erzählende Schuster ihn am Fenster gesehen zu haben. Sicher kann man nicht sein. Jedenfalls lagern fremde Menschen vor dem kaiserlichen Palast, der Platz wird zu einem „wahren Stall“. Die Leute sind offenbar Nomaden und beschäftigen sich zunächst „mit dem Schärfen der Schwerter, dem Zuspitzen der Pfeile“. Dann werden Vorräte der Geschäftsleute geraubt, auch der Schuster selbst ist betroffen; am schlimmsten trifft es allerdings den Fleischhauer. Und nun erhält der Text die Kafka-typische Erzähldichte, die im deutschen Sprachraum nur noch Kleist herstellen konnte. Welcher Leser, welche Hörerin wird je das Bild vom Reiter und seinem Pferd vergessen, die sich, nebeneinander auf dem Boden liegend, „vom gleichen Fleischstück“ ernähren, „jeder an einem Ende“? Doch damit nicht genug: Als der Fleischer meint, „er könne sich wenigstens die Mühe des Schlachtens sparen“, und die Idee entwickelt, „am Morgen einen lebendigen Ochsen“ auf den Dorfplatz zu bringen, scheint das zivile Leben gänzlich an seinem Ende zu sein: Von „allen Seiten“ springen die Nomaden das Tier an, „um mit den Zähnen Stücke aus seinem warmen Fleisch zu reißen“. Der Erzähler deckt sich mit allem zu, was er nur finden kann, „um das Gebrüll des Ochsen nicht zu hören“. Später liegen die Leute „müde um die Reste“ des Tiers, „wie Trinker um ein Weinfass“. Es ist das blanke Grauen, das hier beschrieben wird – ohne billige Horrorliteratur zu sein. Warum der Text – 1922 erschienen – „Ein altes Blatt“ heißt, bleibt ein Literatur-Geheimnis. Günther Rohkemper liest angemessen. Nüchtern.