
Der ungehorsame Priester Lorenzo Milani OMG 10
aus Orte. Menschen. Geschichten. Kulturhistorische Reportagen · 16.05.2026 · 11 Min.
Beschreibung
Ein kleines Bergdorf in der Toskana. Ein Priester. Und eine Schule, die es eigentlich nicht geben durfte. Diese Folge zeigt, warum Lorenzo Milani bis heute als wichtige Figur für Bildung und gesellschaftlichen Wandel gilt. Eine Geschichte über Bildung, Mut und Widerstand. Barbiana in der Toskana Wo der strafversetzte katholische Priester Lorenzo Milani unsterblich wurde Anmoderation Das Dorf Barbiana liegt weit oben in den Bergen in der Toskana in Italien, knapp 40 Kilometer nordöstlich von Florenz. Wahrscheinlich wäre es heute so gut wie unbekannt, wenn es nicht die „Schule von Barbiana“ gegeben hätte. Und den, der diese Schule sozusagen erfunden hat: der katholische Priester Lorenzo Milani. Weil er sich in den 1950er Jahren auf seiner ersten Stelle als Lehrer betätigt hatte, wurde er von der Kirche „strafversetzt“, so muss man es sagen. Wegen seiner Erfolge als Lehrer in Barbiana kommen heute der italienische Staatspräsident und sogar der Papst hierher, um ihn zu ehren. Beitrag Die Straße von Vicchio im Tal in das Bergdorf Barbiana zieht sich, es geht über viele Kurven steil nach oben, und auf dem letzten Kilometer ist sie so schmal, dass sich zwei Autos hier nicht begegnen sollten. Schon gar nicht im Winter, dann liegt hier nämlich Schnee. Atmo Kirchenglocke Oben angekommen endet die Straße vor der kleinen Kirche von Barbiana. Direkt daneben steht das alte Pfarrhaus, ein klein wenig abseits gibt es einen winzigen Friedhof. Die wenigen Häuser des Dorfes sind ein stückweit bergab im Wald versteckt. Barbiana liegt etwa 40 Kilometer von Florenz entfernt im äußersten Nordosten der Toskana. Viele Menschen kommen nicht hierher, wenn, dann vielleicht ein paar Bergwanderer. Oder Verehrer von Don Lorenzo Milani, der hier vor fast 80 Jahren katholischer Dorfpfarrer war und die „Schule von Barbiana“ gegründet hat. Kirchengesang Lorenzo Milani hatte 1955 die Stelle des Pfarrers in Barbiana übernommen. Sein Vorgänger war gestorben. Und auf die freie Stelle war er sozusagen strafversetzt worden. Er hatte nämlich vorher als Kaplan etwas getan, das nach Meinung seines Bischofs nicht zu den Aufgaben eines katholischen Seelsorgers gehöre Er hatte einfachen Arbeitern Lesen und Schreiben beigebracht. Weil sie nie eine Schule besucht und so keine Aussicht auf ein besseres Leben hatten, davon war er überzeugt. Das roch der katholischen Kirche damals zu sehr nach Kommunismus. Also beschloss sein Bischof, ihn ins Nirgendwo zu schicken, damit niemand je wieder von ihm hören würde. So erzählt es Fiorella Tagliaferri, nachdem sie uns begrüßt hat. Sie war eine der ersten Schülerinnen der Schule von Barbiana und ist in diesem Nirgendwo aufgewachsen, als Tochter von Kleinbauern, denen alles fehlte, wie sie sagt. 1 O-Ton Fiorella Tagliaferri Proprio mancanza di cibo, mancanza di vestiti, mancanza di luce, acqua, strada. Nulla. C'era nulla, nulla, nulla. A quei tempi non c'era nulla, c'era proprio la povertà. Voice-over Da war einfach Mangel an Nahrung, Mangel an Kleidung, Mangel an Licht, Wasser, Straße. Nichts. Da war nichts, nichts, nichts. In dieser Zeit gab es hier nichts, es gab nur Armut. Statt in die Schule zu gehen, mussten die Kinder die meiste Zeit auf den winzigen Bauernhöfen ihrer Eltern arbeiten. Obwohl es eine Grundschule im Ort gab, erzählt Gianpoalo Bonini, ebenfalls Barbiana-Schüler. Er hat nach der Schule seine Mitschülerin Fiorella geheiratet, über 60 Jahre ist das her. 2 O-Ton Gianpaolo Bonini/ Fiorella Tagliaferri Lassù c'era poco scuola, perché c'era sempre la neve. Non arrivavano mai gli insegnanti. Voice-over Da oben gab es wenig Schulunterricht, weil da immer Schnee lag. Und dann kamen die Lehrer nicht. O-Ton Fiorella Tagliaferri I nostri genitori non ci potevano insegnare quello che non sapevano nemmeno loro, erano poveri, analfabeti o semi analfabeti. Pertanto non ci potevano insegnare nell'uso della parola, né alzare la testa, né sentirsi uguale agli altri. Ci sent, ci facevano sentire inferiore. Voice-over Und unsere Eltern konnten uns auch nichts beibringen. Weil sie noch weniger wussten. Sie waren Analphabeten oder Halbanalphabeten. Deshalb konnten sie uns nicht lehren, wie man spricht, wie man den Kopf hebt, wie man sich anderen gleich fühlt. Sie gaben uns das Gefühl, minderwertig zu sein. Anders als seine Vorgesetzen sich das gedacht hatten, macht Don Milani sein Pfarrhaus sofort zur Schule für die Dorfkinder. Hier stehen immer noch die Tische und Bänke, drumherum Regale mit Schulbüchern. Zu den ersten, die kamen, gehörten Fiorella und Gianpaolo. Unterricht gab es an sieben Tagen in der Woche, von morgens bis abends. Sogar an Weihnachten. Das Besondere an dieser Schule war: Es gab keine Lernfächer wie Schreiben oder Rechnen, erklärt Gianpaolo. Don Milani erklärte seinen Schülerinnen und Schülern vielmehr die Welt: wie eine Sonnenfinsternis funktioniert. Oder die Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Oder er brachte ihnen Schwimmen bei. In den Hügel neben dem Pfarrhaus hat Don Milani mit den Kindern zusammen ein Schwimmbecken gebaut, etwa fünf Meter lang und sehr schmal, kein Swimmingpool. 3 O-Ton Gianpaolo Bonini Una volta un ragazzo dice: Quella luce che si vede, (...) è stata emessa un milione di anni fa. …e ci facevano un corso perché quello che volevamo sapere sul cielo, sulla costellazione, sul l'universo. Voice-over Einmal sagte ein Junge: „Das Licht, das dieser Stern ausstrahlt, ist eine Million Jahre alt. In Barbiana gab es kein Licht, darum konnte man die Sterne gut sehen. Ich habe zu Don Milani gesagt: Priore, das nicht möglich, oder? Er bat ein paar Experten von der Universität Florenz zu uns, und sie erklärten uns alles, was wir wissen wollten, über den Himmel, die Sternbilder und das über das Universum. Mit einer kleinen Gruppe hat er auch einmal die große Welt da unten im Tal besucht, eine Oper in der Mailänder Scala. Einen Jungen wollten die Ordner erst nicht hereinlassen, weil er keine Jacke trug. Don Milani musste erklären: Er besitzt keine Jacke. Außerdem ging es Don Lorenzo Milani darum, den Kindern das beizubringen, was ihnen dabei nützlich sein konnte, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn beispielsweise ein Klempner in den Ort kam, gab ihm Don Milani ein paar Jungs mit: Zeige ihnen, was dein Beruf ist, erinnert sich Gianpoalo. Im Pfarrhaus zeigt er uns die Werkstatt, die Don Milani hier eingerichtet hatte. In der brachte er vor allem den Jungen bei, was man mit verschiedenen Handwerken herstellen kann. 4 O-Ton Gianpaolo Bonini Tutti i tavoli e tutte le panche che ci sono nell'Aula sono state fatte tutti dai ragazzi. Su ci sono delle sedie saldate dai ragazzi. Fanno schifo, veramente brutte, però loro hanno imparato a saldare facendo un qualcosa. Sarà brutto, però la seconda volta che ne farai un'altra sarà migliore. Voice-over Alle Tische und alle Bänke im Klassenzimmer sind von den Jungs gemacht. Und da oben stehen Stühle, die von den Jungen geschweißt wurden, vier oder fünf Stück. Sie sind hässlich, wirklich hässlich, aber sie haben gelernt, wie man schweißt. Beim zweiten Mal, wenn man es macht, wird es besser sein. Am wichtigsten war Don Lorenzo Milani die Sprache. 5 O-Ton Gianpaolo Bonini I nizialmente questi ragazzi non facevano nemmeno una domanda perché avevano paura di sbagliare la parola. Ogni parola che non imparerete oggi sarà un calcio in culo nella vostra vita di domani. Voice-over Anfangs haben diese Jungs nicht einmal eine Frage gestellt, weil sie Angst hatten, dass sie nicht die richtigen Worte dafür kennen. Und da hat er ihnen gesagt: Wenn ihr nicht mehr Wörter lernt, kommt ihr nicht weit. Jedes Wort, das ihr heute nicht lernt, wird morgen in eurem Leben ein Tritt in euren Hintern sein. Besonders gewöhnungsbedürftig für die Eltern in Barbiana war, dass er auch die Mädchen aus dem Dorf unterrichtete, erzählt Fiorella. Fiorella 74 6 O-Ton Fiorella Tagliaferri Vi dicevano: Voi dovete imparare a cucinare, pulire, crescere e cercare un marito che ti mantenga. … Se poi voi deciderete di sposarvi, lo dovete fare per vostra scelta, no? Voice-over Sie haben uns gesagt: Ihr müsst lernen zu kochen, zu putzen, Gemüse anzubauen und euch einen Ehemann zu suchen, der für euch sorgt. Dann kam Don Milani und sagte: Nein, ihr dürft nicht auf eure Eltern hören. Auch Eltern machen Fehler. Ihr müsst kluge, kultivierte, intelligente Mädchen werden, die in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Wenn ihr dann heiratet, dann müsst ihr das wirklich wollen. Dabei war anfangs keineswegs klar, dass das Dorf die Schule Don Milanis überhaupt annehmen würde. Sein Vorgänger hatte nämlich nicht das beste Verhältnis zu den Dorfbewohnern gehabt, erinnert sich Agostino Burberi. Auch er war einer der ersten Schüler der Schule von Barbiana. Und Messdiener beim alten Pfarrer. 7 O-Ton Agostino Burberi Tieni conto poi che quel vecchio io facevo il chierichetto, il parroco di prima. Per quello sono il primo ragazzo che lui incontrerà. … per dirti il distacco che c'era tra il parroco e il popolo. Voice-over Hier im Ort waren die meisten Kommunisten, 99 Prozent Kommunisten. Es gab nur zwei Familien, meine auch, die dem Pfarrer nahestanden. Verstehst du? Damit will ich dir sagen, welche Kluft damals zwischen dem Priester und dem Volk bestand. Dass Don Lorenzo Milani diese Kluft überwinden konnte, lag daran, wie er auf die Menschen zuging. Nämlich so, erinnert sich Fiorella. Fiorella 74 8 O-Ton Fiorella Tagliaferri Questo prete quando è venuto ci ha colto con un sorriso e ci ha detto, la mia casa è la vostra casa. Tutto condiviso tutto e ci ha amato tantissimo Voice-over Dieser Priester, als er kam, hat uns mit einem Lächeln empfangen und uns gesagt: Mein Zuhause ist dein Zuhause. Er hat alles mit uns geteilt. Und er hat uns so sehr geliebt. Um diese Liebe geht es viel, wenn man mit den Ehemaligen spricht. Auch auf drei Fotos in der Ausstellung, die heute im alten Pfarrhaus zu besichtigen ist. Auf dem ersten ist ein Junge zu sehen, der in die Kamera strahlt. Das ist Marcellino. Auf dem zweiten sitzt dieser Marcellino auf dem Schoß von Don Milani, der seine Arme um ihn gelegt hat. Und auf dem dritten liegt Don Milani in einem Liegestuhl, weil es ihm wohl wegen seiner fortschreitenden Krankheit nicht gut geht, umarmt von Marcellino. Agostino erzählt. 9 O-Ton Agostino Burberi Lì in una casa, lei è arrivata questa famiglia che si chiamava pantaleone, che lui era marito e moglie, due ubriaconi. (…) L'ultimo era marcellino marcellino, aveva otto anni e non parlava. Voice-over In ein Haus in Barbiana war die diese Familie gezogen, Pantaleone, das waren Mann und Frau, zwei, die immer betrunken waren, auch wenn Kinder unterwegs waren. Sie hatten acht Kinder. Das letzte war Marcellino. Und bis zu seinem achten Lebensjahr hatte er kein Wort gesprochen. Don Milani sei sich sicher gewesen, sagt Agostino, ihn eines Tages zum Sprechen zu bringen. Über Marcellinos erstes Wort werden verschiedene Geschichten in Barbiana erzählt. Gianpaolos geht so. Eines Tages sei Don Milani wie so oft, als es die Straße noch nicht gab, zu Fuß den langen Weg ins Tal gegangen, in Soutane und Bergschuhen, und habe für sich und auch für die Kinder Lebensmittel eingekauft. Als er mit zwei schweren Taschen zurückgekommen sei, habe Marcellino auf ihn gewartet und ihn am Ärmel gezupft. Don Milani habe absichtlich nicht reagiert. Marcellino habe nochmal gezupft. Und nochmal. Dann habe er schließlich auf eine der Taschen gezeigt und zu Don Milani gesagt: Ba-na-na. Als Gianpaolo das erzählt, dreht er sich weg, weil ihm die Tränen kommen. Sein ehemaliger Mitschüler Agostino kann das erklären. 84 10 O-Ton Agostino Burberi E come è riuscito? Con un grande amore, lui amava, ci amava la follia, erano i suoi figli. Va bene, aveva tutti i difetti che hanno i genitori. I loro figli sono i più belli, più bravi e i più buoni. Voice-over Und wie hat er das geschafft? Mit einer großen Liebe, er liebte uns wie verrückt, wir waren seine Kinder. Na gut, er machte auch den Fehler, den alle Eltern machen. Ihre Kinder sind die schönsten und die liebsten und die besten. Die fortschreitende Krankheit war Leukämie. 1967, zwölf Jahre nach seiner Ankunft in Barbiana, stirbt Don Lorenzo Milani, im Alter von 44 Jahren. Kurz danach wird die Schule geschlossen. Der seinerzeit strafversetzte Priester ist heute weithin bekannt für seine „Schule von Barbiana“. Im Frühjahr 2024, zur Feier seines 100. Geburtstags, ist der italienische Staatspräsident Sergio Matarella ihm zu Ehren auf den Berg gekommen. Und schon ein paar Jahre vor ihm war Papst Franziskus hier an seinem Grab. Die Rede, die er dort gehalten hat, hat das italienische Fernsehen aufgezeichnet. Als sein Bischof ihn hierher geschickt hatte, sagt Papa Francesco, habe Don Milani das nicht als Strafe, sondern als Aufgabe verstanden. O-Ton Papst Franziskus Ridare ai poveri la parola, perché senza la parola non c’è dignità e quindi neanche libertà e giustizia: questo insegna don Milani Voice-over Den Armen das Wort wiedergeben, denn ohne das Wort gibt es keine Würde und folglich auch keine Freiheit und Gerechtigkeit: das lehrt Don Milani. Begraben wurde Don Milani auf dem winzigen Friedhof hier oben, wie er es sich vor seinem Tod gewünscht hatte, bekleidet mit seinem Talar und mit seinen Bergschuhen, erzählt Gianpaolo noch. Als wir das Grab besuchen, stellen wir fest, dass es das letzte auf dem Friedhof ist. Nach seinem Tod sind die letzten Dorfbewohner weggezogen, auf der Suche nach einem besseren Leben. Ihre Häuser sind heute Feriendomizile und stehen die meiste Zeit des Jahres leer. Im Unterschied zu Kirche und Pfarrhaus: Hier erhält die Stiftung Don Lorenzo Milani, die seine insgesamt 26 Schülerinnen und Schüler gegründet haben, die Erinnerung an ihn wach.