
Souvankham Thammavongsa: Pick a Color (Frag nach Susan)
aus Lob und Verriss - Der Podcast · 13.09.2026 · 5 Min.
Beschreibung
Liebe Leserinnen und Leser, vor einigen Jahren war ich - nicht zum 1. Mal - in New York. Aber ich ging zum 1. Mal in ein Nagelstudio. Mir war der Gestus der Handelnden bei diesem Tausch (Geld gegen Care-Arbeit aka Hände und Füße schön machen) unbekannt und meine Versuche, mit der Lady zu sprechen, die meine Füße walkte und meine Hände mit leuchtendem Orange verzierte, wurden brüsk und mit dem Verweis, sie sei der englischen Sprache nicht mächtig, schnell abgebügelt. Links und rechts neben mir sprachen die Gäste in ihr Handy oder sie starrten drauf oder sie sprachen mit ihren Freundinnen, die ebenfalls da waren. Nicht aber mit den Dienstleisterinnen. Hinterher hatte ich sehr hübsch lackierte Nägel, war aber leicht verwirrt. Noch länger in der Vergangenheit liegt eine Reise nach Argentinien. Ich wurde bei der Freundin der Schwester meiner Spanischlehrerin zur Miete aufgenommen. Niemand hatte mich gewarnt, dass jeden Morgen um 7:30 Uhr eine Haushaltshilfe kommen würde und nach meinem Erwachen nicht nur Kaffee und Frühstück kredenzen, sondern auch mein Bett machen und mein Zimmer aufräumen würde. Mir war das unglaublich peinlich und ich versuchte, Carmen mehrfach davon abzubringen. Allein, mein Status als Gast aus Europa gestattete kein Abweichen von dieser Norm. Einige Wochen nach meinem Eintreffen zeigte sie mir ihr Wohnviertel: wir mussten 2 Stunden mit dem Bus fahren und dabei mehrfach umsteigen, dann gingen wir in einen großen, sehr staubigen Hangar, in dem ein Markt war. Es war eine sehr seltsame Erfahrung. Ich war - hier werden viele lachen, die schon mal neben mir gestanden haben - größer als die meisten und vor allem sehr weiß. Als meine Gastgeberin (und damit die Arbeitgeberin von Carmen) von diesem Ausflug erfuhr, fielen harsche Worte - nicht mir gegenüber - ich hätte diese Welt wohl nicht sehen sollen. Einige Frauen, die ich kenne, lassen sich ihre Nägel in einem Nagelstudio machen, die meisten aber nicht. Wer seine natürlichen Nägel nicht mag, bekommt künstliche oder klebt sie sich selbst an.* In der Novelle* “Pick A Color” zeigt uns die laotisch-kanadische Dichterin Souvankham Thammavongsa ein Nagelstudio. Es gehört Ning, einer ehemaligen Boxerin. Wir folgen ihr und ihren Gedanken für einen Tag in diesem Raum. Wir erfahren sehr viel über sie, wenn vielleicht auch nicht Dinge, die hierzulande zumindest in bestimmten Schichten typische Fragen beim Kennenlernen sind: Wo kommst du her? Was haben deine Eltern gemacht? Wie war deine Kindheit? Zeitig am Morgen öffnet sie ihr Studio, sie wohnt in einem kleinen Raum oben drüber. Sie reflektiert darüber, wie sie zu diesem Handwerk, zu diesem Leben gekommen ist, was sie vorher gemacht hat, warum sie das Nagelstudio so führt, wie sie es führt. Alle Frauen - und es sind ausnahmslos Frauen -, die dort arbeiten, tragen schwarze Sachen und schwarze Turnschuhe. Sie tragen ihre Haare gleichlang, auf ihrem Namensschild steht der gleiche Name: Susan. Denn: Susan ist immer da. Sie hat immer Zeit. Ning sagt aber auch: “Ein Name ändert nichts.” Im Raum sind 4 Stühle, an denen die Kundschaft - männlich und weiblich - bedient werden kann. An diesem Tag wird eine neue Angestellte kommen, so dass wir in die Feinheiten dieses Geschäftes kennenlernen können: die Idee dahinter, die Abläufe, die Ladies, die dort arbeiten und natürlich Ning, die bestimmt, wie das geschieht. Ning ist eine scharfsinnige Beobachterin. Ihre Sicht auf die Welt ist eine harsche: sie legt uns dar, was im Nagelstudio passiert. Wir erfahren, was die Gäste von sich preisgeben, und vor allem, was die Angestellten nicht preisgeben. Denn die reiche weiße Kundschaft weiß nicht, dass die Ladies über sie lästern, während sie reinigen, feilen, lackieren, polieren, massieren, Haare bändigen und zupfen. Allerdings ist Ning auch überzeugt: “Die meisten Leute wissen nicht, was gut für sie ist, und wenn sie denken, dass sie es tun, liegen sie meistens falsch. Ich höre zu.” Sie drängt sie in die richtige Richtung, sie weiß, welche Worte und Überzeugungsarbeit sie dafür verwenden kann, und welche nicht. “Pick a Colour” beschreibt Alltagsrassismus, Machtstrukturen, die nicht immer sind, was sie scheinen. Ning wird als Frau beschrieben, die selbstbestimmt durch ihr Leben geht. Sie ist Anfang 40, sie ist nicht verheiratet und hat keine Kinder. Es werden Fragen der Zugehörigkeit, der Einsamkeit verhandelt. Aber nicht nur ihre, sondern auch die der Kundinnen. Ning konstatiert: “Sie kommen zum Reden. Um zu reden, wie sie es sonst nirgendwo können. Sie kommen nicht wegen der Nägel zurück.” In “Pick a Color” steckt viel Witz, Kraft, Macht und: Traurigkeit, die von Enttäuschungen zeugt, vom Wunsch, unabhängig zu sein, und trotzdem in Verbindung. Ein Wunsch, der schwer erfüllbar scheint, doch in einigen Szenen der Novelle erfüllt wird. Am Ende sagt Ning über die Menschen, die ihr Nagelstudio besuchen: “Menschen, die sich ihre Nägel machen lassen, haben Hoffnung. Die Hoffnung, dass sich Dinge ändern können”. Ein Tag in einem Raum, der es schafft, die Welten zu zeigen, die dort mit den in ihr Lebenden zusammentreffen. Das Leben ist der Tag, und dann die Tage, und dann die Wochen, Monate und Jahre, die wir leben. Klare Leseempfehlung für dieses Buch, dass im letzten Jahr mit dem Giller Prize, der ausschließlich an kanadische Autorinnen und Autoren verliehen wird. This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com